Foto: Thomas Fröhlich
: Aus der City-Flyer Druckausgabe 10/08


Horror-Fans sind konservativ

Üblicherweise sucht der berufene St. Pöltner in der Bundeshauptstadt sein Glück. THOMAS FRÖHLICH hingegen landete in der Provinz. Hier lehrt er die Verträglichkeit der Hoch- mit der Populärkultur.

Vor sechs Jahren hatte THOMAS FRÖHLICH seinen Meldezettel von der Bundespolizeidirektion St. Pölten geholt. Seither hat der Zeitgenosse der Generation "No Future" seine Zukunft auf festen Fundamenten gebaut. Den Brotberuf übt er als Bibliothekar an der Musikuniversität in Wien aus, seine Freizeit packt er voll mit Kulturprojekten, die vor allem seiner neuen Heimat zugute kommen und ihm dieses Jahr den "Förderpreis der Landeshauptstadt St. Pölten für Wissenschaft und Kunst" einbrachten.

City-Flyer: Viele, vor allem junge St. Pöltner bringen dich mit dem "Poetry Slam" in Verbindung.

Thomas Fröhlich: Der letzte von mir und THOMAS HAVLIK organisierte "Poetry Slam" fand im Dezember 2007 statt. In Zukunft übernimmt JESSICA LIND das Ruder.

CF: Wie hast du den ersten Slam erlebt?

T.F.: Als Havlik und ich im Jahr 2003 den ersten "Poetry Slam" im Rahmen der LitArena Preisverleihung ins Leben riefen, gab es außer St. Pölten nur zwei Städte, die diese Art des Literaturwettbewerbes praktizierten, nämlich Wien und Innsbruck. Damit, dass die Veranstaltung mit so großem Zuspruch angenommen werden würde, habe ich nicht gerechnet. Wenn in St. Pölten etwas einfährt, dann ordentlich.

CF: Warum hast du nun das Interesse verloren? Fühlst du dich zu alt für diese junge Art der Literaturproduktion?

T.F.: Ich zähle einen "Poetry Slam" zur populären Kultur, die alle Altersgruppen anspricht, sofern sie ein wenig aufgeschlossen sind. Wir sollten uns überhaupt von der Vorstellung verabschieden, Popkultur ausschließlich mit Jugendkultur gleichzusetzen. Aber nach fünf Jahren ist es nun Zeit, Neues zu probieren.

CF: Was könnte dieses Neue sein?

T.F.: Im April fand unter meiner Regie der "1. NÖ Scream Queen Contest" im Cinema Paradiso statt - schreien quasi als extreme Form des Slammens. Die Veranstaltung ging aber überhaupt nicht auf. Obwohl meine vorangegangenen "Horrornächte", die Literatur mit Film kombinieren, sehr gut liefen.

CF: Worauf führst du das zurück?

T.F.: Das Zielpublikum für die "Horrornacht" ist der klassische Horror- bzw. Gothic- und Black Metal Fan und der ist eher wertkonservativ. Beim Wort "Contest" sucht der - zurecht - das Weite. Bei der kommenden Horrornacht am 31.10. wird erstens der Filmklassiker "Freaks" gezeigt und davor gibt es eine Lesung von und mit dem österreichischen Horrorautor ANDREAS GRUBER. Also wieder back to the roots.

CF: Wirbelst du beim Literaturfestival "Blätterwirbel" in der zweiten Oktoberhälfte auch wieder mit?

T.F.: Ich helfe bei der Organisation, werde aber keine eigenen Werke vortragen. Ich sehe mich weniger als Literat, denn als Literaturvermittler. Dieses Jahr habe ich den "Schweiz- Österreichischen Paarlauf" zum Festival beigetragen. Drei Schweizer und drei österreichische Schriftsteller werden abwechselnd vortragen.

CF: Wem verdanken wir das Projekt "Blätterwirbel" eigentlich?

T.F.: ISABELLA SUPPANZ, die künstlerische Leiterin des Landestheaters Niederösterreich, HUGO SCHÖFFER, der Direktor der Fachschule für Buchhändler, und einige weitere, darunter auch ich, setzten uns zusammen, um das Konzept der "NÖ Buchwochen" zu überarbeiten und heraus kam der "Blätterwirbel", der von 16. bis 26. Oktober das dritte Mal stattfindet.

CF: Du schreibst aber auch selbst?

T.F.: Meine Methode der Weltbeschreibung ist eher die Form des Essays oder der Kurzgeschichte. Solche Geschichten lassen sich auch leichter veröffentlichen. Für einen Roman fehlt mir einfach der lange Atem.

CF: Wo sind deine Essays nachzulesen?

T.F.: In Anthologien und Zeitschriften wie "OstraGehege", "KeineDelikatessen", "& Radieschen", "Pandaimonion", "Rokko’s Adventures", dem Webzine "Evolver", bei dem ich auch Redakteur bin, und in diversen Literaturzeitungen wie beispielsweise dem "etcetera".

CF: Du bist voriges Jahr als Obmannstellvertreter der "Literarischen Gesellschaft" in St. Pölten zurückgetreten. Welche Gründe gaben den Ausschlag?

T.F.: Ich möchte vorausschicken, dass ich nach wie vor mit der "Literarischen Gesellschaft" zusammenarbeite. So ist in der neuen Ausgabe des "etcetera" ein Beitrag von mir zum Thema "DIE 68er" drin. Ich habe aber mit manchen Entscheidungen auf Vorstandsebene immer weniger anfangen können. War halt eine persönliche Sache – wenn die Magie nicht stimmt, sollte man die Konsequenzen ziehen. Außerdem trete ich für einen bastardisierten Kulturbegriff ein, der auch der Pop- und Trash-Kultur ihren Stellenwert einräumt.

CF: Wenn man sich als interessierter Zeitgenosse ein wenig in der Szene umschaut, trifft man immer wieder auf den Namen Thomas Fröhlich, wenn auch hinter Pseudonymen versteckt. Was hat es z.B. mit DJ Bleuchamp auf sich?

T.F.: Unter diesem Namen lebe ich meine musikalische Vorliebe für die psychedelischen 60er Jahre und Artverwandtes aus und bringe sie unter die Leute. Oft auch gemeinsam mit dem Wiener DJ TRASHTERRIER, der dann selbstproduzierte Elektroniktracks aufführt, aber auch DJ-Sets, die wegen ihrer wahnwitzig kranken Plattenfolge berüchtigt sind.

CF: Verrätst du uns, wo man dich in naher Zukunft antreffen wird?

T.F.: Den "Blätterwirbel" Mitte Oktober im NÖ Landestheater habe ich schon erwähnt, ebenso die "Horrornacht" Ende Oktober im Cinema Paradiso. Das nächste große Projekt ist im Rahmen der "850-Jahr-Feier Stadt St. Pölten" geplant: Lesungen, Filmvorführungen und DJ-Lines ... Und eine Eventreihe des Webmagazins "Evolver" unter dem Titel "Death Valley '69" zur dunklen Seite der 60ies.

CF: Zum Schluss würde ich dich noch gerne um deine Einschätzung der St. Pöltner Literaturszene bitten.

T.F.: Die ist besser als ihr Ruf. Sowohl die jungen AutorInnen, als auch die älteren Semester arbeiten auf hohem Niveau. Bei den Jungen fällt mir MILENA MICHIKO FLASAR ein, mit der ich erst kürzlich am Höfefest gelesen habe. Oder JESSICA LIND, wobei sich diese seit kurzem leider ganz dem Medium Film verschrieben hat. Lind nahm in ihren Geschichten explizit Referenzen aus der Popkultur auf und erreichte damit ein sehr junges Publikum, was ich sehr spannend finde. Das ehemalige Bauchklang-Mitglied JOHANNES WEINBERGER darf ich nicht vergessen. Und zwei Geheimtipps hätte ich auch noch anzubieten: einmal der Kulturredakteur der NÖN St. Pölten, MARIO KERN, der seine Lesungen sehr gut zu inszenieren versteht. Und PETER KAISER, der frühere Leiter der Thalia-Filiale St. Pölten, der zwar sehr gut schreibt, aber bisher weder veröffentlicht hat noch öffentlich vorträgt.
Von den etablierten AutorInnen gefällt mit der St. Pöltner Historiker MANFRED WIENINGER sehr gut. Er schreibt Krimis mit starken St. Pöltner Bezügen. ZDENKA BECKER deckt die gesellschaftskritische Ecke ab. DORIS KLOIMSTEIN natürlich, durch die ich erst zur LitGes kam und das "Urgestein" ALOIS EDER, der viel Historisches in seine Literatur einfließen lässt.

CF: Ich bedanke mich für das informative Gespräch.

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(8 Pics von Claudia)
Autor: werner
letztes update: 6.10.08
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