![]() PRINT: Was hat das Szenegeschehen der Stadt im vergangenen Jahr am meisten geprägt? Facebook meinen wir! Die Nullerjahre sind Geschichte und bald auch die Ranglisten in diversen Medien, die das vergangene Jahrzehnt in den Griff kriegen sollen. Ein wenig erfolgversprechendes Unterfangen, zumal eine Dekade gerade für junge Leute eine unüberschaubare Zeitspanne darstellt. Wir Redakteure waren bescheidener und haben uns überlegt, was das Szenegeschehen der Stadt im vergangenen Jahr am meisten prägte. Facebook meinen wir!
"Haben weder St. Pöltner Veranstalter noch Künstler etwas Gleichwertiges zuwege gebracht, etwas, das die heimische Szene mehr verändert hat und deshalb Facebook den Rang streitig machen kann?", werden nun einige Zweifler fragen. Passiert ist in der Stadt vieles im abgelaufenen Jahr, Gutes und weniger Gutes; und alles nachzulesen in diversen Blogs, auf dieser Homepage und in den Beiträgen auf Onlinecommunities wie Facebook. Nichts Ähnliches aber, so unsere These, hat in so kurzer Zeit einen so großen Stellenwert bei den jugendlichen Subkulturen eingenommen wie das soziale Netzwerk von Facebook. Vergleichen ließe sich der Kulturwandel am ehesten noch mit dem Siegeszug des Handys, mit dem Unterschied allerdings, dass es Jahre dauerte, bis jeder Teenager eines in der Tasche hatte. So wie das Handy mit seinen Möglichkeiten wie sms-Schreiben, Fotografieren, Filmen, Musik hören und natürlich Telefonieren, die zwischenmenschliche Kommunikation revolutionierte, schickt sich Facebook nun an, dasselbe auf der Ebene der Massenkommunikation zu wiederholen. Facebook ein Massenmedium? Zumindest theoretisch kann ich mit meinen Einträgen die Massen erreichen, praktisch werden die Informationen aber nicht über meine Freunde und deren Freunde hinausreichen. Der Nutzen an der Teilnahme an Facebook, liegt jedoch weniger im Verbreiten ausformulierter redaktioneller Beiträge, die von möglichst vielen Lesern verstanden werden sollen. Vielmehr sollen meine virtuellen Freunde, die ich in der Regel auch persönlich kenne, im besten Fall im "rund-um-die-Uhr-Modus" über mein Befinden, meine Vorlieben und Abneigungen informiert werden. Über die Vor- und Nachteile von sozialen Communities wurde und wird ausführlich gestritten, darum soll es hier nicht gehen. Einzig die Frage nach den Auswirkungen auf die Szene in St. Pölten hat uns hier zu interessieren. Zuallererst ist Facebook der virtulle Treffpunkt einer Clique, der die primäre Aufgabe des Stammbeisls perfektioniert, indem rasch viele Einzelmeinungen zu einer Gruppenmeinung verfestigt werden. Geht man nun auf die Party oder nicht. Daumen hoch? Die Meinungsfindung unterscheidet sich nicht von jener im realen Leben, sie erfolgt nur rascher und wird weniger argumentiert. Im Prinzip sollte der Veranstalter aus betriebswirtschaftlichen Gründen seine Party bereits eine Woche vorher absagen, wenn sich zu wenige "Freunde" entschieden haben zu erscheinen. Ähnlich verhält es sich mit Bandauftritten, mit Lesungen und allen anderen öffentlichen Aufführungen: der Facebook-User wird zum Spezialisten, der Anbieter zum Trendscout, der bereits im Vorfeld weiß, ob seine "Ware" ein Erfolg wird und gegebenenfalls eingreift, um sie zuvor schon den Wünschen des potentiellen Publikums anzupassen. In St. Pölten noch nicht passiert? Wirklich? Dass soziale Netzwerke Meinungsbildungen begünstigen, wurde bereits oben erläutert. Wie sie das tun, soll hier beschrieben werden. Die Deutungshoheit über ein Thema geschieht rasch, assoziativ, wenig gestützt auf Argumente, dafür auf Bilder/Videos vertrauend (ein Bild sagt mehr als tausend Worte). Welche Bedeutung ein gefälltes Urteil einer Clique zukommt, muss niemandem erklärt werden, der selbst einer angehört(e). Hat sich ein Urteil einmal verfestigt, ist es schwer wieder weg zu kriegen. Den Spezialisten, die zuvor noch die Dinge in ihrem Metier bewerteten, bleibt jetzt nur das Kommentieren bereits gefällter Entscheidungen. Auch das ist eine Folge von Facebook: privat geführte Communities gibt es in St. Pölten kaum mehr. Diskussion zum Thema:
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