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Verlag/Jahr: Aus der City-Flyer Druckausgabe 01/10


Facebook

PRINT: Was hat das Szenegeschehen der Stadt im vergangenen Jahr am meisten geprägt? Facebook meinen wir!

Die Nullerjahre sind Geschichte und bald auch die Ranglisten in diversen Medien, die das vergangene Jahrzehnt in den Griff kriegen sollen. Ein wenig erfolgversprechendes Unterfangen, zumal eine Dekade gerade für junge Leute eine unüber­schaubare Zeitspanne darstellt. Wir Redakteure waren bescheidener und haben uns überlegt, was das Szenegeschehen der Stadt im vergangenen Jahr am meisten prägte. Facebook meinen wir!

"Haben weder St. Pöltner Ver­an­stal­ter noch Künstler etwas Gleichwertiges zuwege gebracht, etwas, das die heimische Szene mehr verändert hat und deshalb Facebook den Rang streitig machen kann?", werden nun einige Zweifler fragen. Passiert ist in der Stadt vie­les im abgelaufenen Jahr, Gutes und weniger Gutes; und alles nach­zulesen in diversen Blogs, auf dieser Homepage und in den Bei­trägen auf Onlinecommunities wie Facebook.
Nichts Ähnliches aber, so unsere These, hat in so kurzer Zeit einen so großen Stellen­wert bei den jugendlichen Subkul­turen eingenommen wie das so­ziale Netz­werk von Facebook. Ver­glei­chen ließe sich der Kultur­wan­del am ehesten noch mit dem Sie­geszug des Handys, mit dem Un­terschied allerdings, dass es Jahre dauerte, bis jeder Teenager eines in der Ta­sche hatte.

So wie das Handy mit seinen Mög­lichkeiten wie sms-Schreiben, Fo­to­grafieren, Filmen, Musik hören und natürlich Telefonieren, die zwischenmenschliche Kom­munikation revolutionierte, schickt sich Face­book nun an, dasselbe auf der Ebene der Massenkommunikation zu wiederholen. Facebook ein Mas­senmedium? Zumindest theoretisch kann ich mit meinen Einträ­gen die Massen erreichen, praktisch wer­den die Informationen aber nicht über meine Freunde und deren Freunde hinausreichen. Der Nutzen an der Teilnahme an Facebook, liegt jedoch weniger im Verbreiten ausformulierter redaktioneller Beiträge, die von möglichst vielen Lesern ver­standen werden sollen. Vielmehr sollen meine virtuellen Freunde, die ich in der Regel auch persönlich kenne, im besten Fall im "rund-um-die-Uhr-Modus" über mein Befin­den, meine Vorlieben und Abnei­gun­gen informiert werden.

Über die Vor- und Nachteile von so­zialen Communities wurde und wird ausführlich gestritten, darum soll es hier nicht gehen. Einzig die Frage nach den Auswirkungen auf die Sze­ne in St. Pölten hat uns hier zu interessieren.
Zuallererst ist Face­book der virtulle Treffpunkt einer Clique, der die primäre Aufgabe des Stamm­beisls perfektioniert, indem rasch viele Einzelmeinungen zu einer Gruppenmeinung verfestigt werden. Geht man nun auf die Party oder nicht. Daumen hoch? Die Mei­nungs­findung unterscheidet sich nicht von jener im realen Leben, sie erfolgt nur rascher und wird weniger argumentiert.
Im Prinzip sollte der Veranstalter aus betriebswirtschaftlichen Gründen seine Party bereits eine ­Wo­che vorher absagen, wenn sich zu wenige "Freunde" ent­schieden haben zu erscheinen.
Ähnlich verhält es sich mit Band­auftritten, mit Lesungen und allen anderen öffentlichen Aufführungen: der Facebook-User wird zum Spe­zialisten, der Anbieter zum Trend­scout, der bereits im Vorfeld weiß, ob seine "Ware" ein Erfolg wird und gegebenenfalls eingreift, um sie zu­vor schon den Wünschen des po­tentiellen Publikums anzupassen. In St. Pölten noch nicht passiert? Wirklich?

Dass so­ziale Netzwerke Mei­nungs­bildungen begünstigen, wurde be­reits oben erläutert. Wie sie das tun, soll hier beschrieben werden. Die Deu­tungs­hoheit über ein Thema geschieht rasch, assoziativ, wenig gestützt auf Argumente, dafür auf Bilder/Videos vertrauend (ein Bild sagt mehr als tausend Worte). Wel­che Bedeutung ein gefälltes Ur­teil einer Clique zukommt, muss niemandem erklärt werden, der selbst einer angehört(e). Hat sich ein Ur­teil einmal verfestigt, ist es schwer wieder weg zu kriegen. Den Spe­zia­listen, die zuvor noch die Dinge in ihrem Metier bewerteten, bleibt jetzt nur das Kommentieren be­reits gefällter Entscheidungen. Auch das ist eine Folge von Facebook: privat geführte Communities gibt es in St. Pölten kaum mehr.

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 Nur soziale Verlierer bleiben im Netz von Werner - 23:36 am 08.07.110 (102x)
Autor: werner
letztes update: 1.1.10
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