![]() Österreich kippt KOMMENTAR: Der von MARTIN BLUMENAU auf der fm4-Site veröffentlichte Artikel "2009 ist das Jahr, in dem Österreich kippt" über den unabwendbaren Rechtsruck in Österreich veranlasst mich zu einer Replik. Blumenaus aufgezählte Gründe für die Sehnsucht der Österreicher nach dem starken Mann im Artikel "2009 ist das Jahr, in dem Österreich kippt" greifen meines Erachtens zu kurz. Die Abwesenheit einer intellektuellen Elite, das Fehlen eines funktionierenden Bürgertums und einer funktionierenden Zivilgesellschaft erklären nicht den Umstand, warum sich die Österreicher in den letzten 20 Jahren mehr und mehr nach rechts wenden. Warum nicht vorher auch schon? Eine Elite, ein Bürgertum, eine Zivilgesellschaft gab es zuvor ebenso wenig. In Deutschland wiederum sind alle drei Ingredienzien für Blumenaus Vorstellung einer reifen Demokratie vorhanden, trotzdem wird der Bodensatz an Rechtsradikalen immer größer (nur wird er im Nachbarland politisch ausgegrenzt, ein 3. Nationalratspräsident Graf wäre dort undenkbar).
Ein Blick über den Tellerrand, respektive über die österreichische Grenze täte Blumenau Not. Dort sähe er ungarische Nationalisten Romadörfer abfackeln, russische Rechtsradikale Juden durch die Gassen jagen, den belgischen Flamsblock wie er dabei ist, das Staatsgefüge zu sprengen, griechische Radikale, die mit ihren Motorrädern Illegale durch das Dorf schleifen, ... die Liste ließe sich seitenweise fortsetzen und soll zeigen, dass sich Fremdenhass europaweit ausbreitet. Mag Blumenau auch auf dasselbe Ergebnis kommen, die Gründe für das Herannahen einer österreichischen Security-Demokratie, wie er die Bereitschaft immer größer werdender Bevölkerungsteile nennt, die immer ungenierter einer "Law and Order"-Politik das Wort reden, sehe ich woanders. Das Problem liegt meiner Meinung nach im beständigen Werteverlust, dem die Europäer ausgesetzt waren und noch immer sind. Jahrhunderte währende Tugenden wie Gottesfurcht, Familie, Treue, Vaterland, Solidarität, ... um nur einige zu nennen, wurden - oft zu Recht - demontiert und durch das Diktat eines alles umfassenden Individualismus und Relativismus ersetzt. Der Zwang, aus seiner Person ein unverwechselbares "Ich" zu extrahieren und dieses zu Markte zu tragen, setzt nicht nur den Hinterbänklern aus dem ehemaligen Ostblock zu. Die hatten das Pech, vom ehemals real existierenden Kommunismus als Versuchskaninchen eines "neuen Menschenschlags" missbraucht worden zu sein, was ihnen ihr altes Weltbild kostete. Nach der Wende generierten sich die Osteuropäer als die Musterkonsumenten und -kapitalisten, die ihre Aufholjagd rasant angingen, um 20 Jahre später im schwarzen Loch der Wirtschaftskrise zu landen - wieder ohne Idee, was gut und schlecht ist. Wohlstandsverlierer hüben und drüben; Menschen, die es nicht schaffen, ihre Ich-AG erfolgreich zu repräsentieren, die ihre kulturelle, soziale und materielle Distinktion als wertlose Aktien mit sich herumschleppen. Was fängt ein Migrant der dritten Generation mit Werten an, vor denen er nicht bestehen kann? Die ihm vorschreiben, wie er zu sein hat, nämlich U N V E R W E C H S E L B A R und F L E X I B E L, was aber – und das merkt er sehr bald - nur mit überdurchschnittlicher Bildung und einer dicken Brieftasche einzulösen ist. Solange nur der "Bodensatz" der Gesellschaft kneist, wie ausgeschlossen er eigentlich vom öffentlichen Distinktionsgebaren ist, spielt das demokratiepolitisch aufgrund dieser kleinen politischen Manövriermasse keine wirkliche Rolle. Was aber, wenn die breite Mittelschicht nicht mehr mithalten kann? Im real existierenden Kapitalismus zählen althergebrachte Werte nichts mehr, im Gegenteil, sie behindern nur. Aber jetzt, wo sich der Konsens breitenwirksam durchgesetzt hat, dass du bist was du hast und das hast, was du bist, jetzt wird plötzlich die Legitimität des Kapitalismus in Zweifel gezogen. Die materialistisch hedonistische Lebensweise der Mittelschichten steht aufgrund schmäler werdender Geldbörsen zur Disposition und somit auch die Identität, die ich mir dem Regime des Kapitalismus folgend kaufen (und verdienen) muss. Nichts macht mehr Angst, als der drohende und tatsächliche Verlust seines Selbstbildes und Weltbildes. Wenn ich mir das Anderssein nicht mehr leisten kann, wenn ich beispielsweise nicht mitspielen kann beim Rennen um das Prädikat einer lokalen DJ-Größe, kein Weg zum Snowboard-Ass führt, der Computernerd finanziell nicht zu derpacken ist, dann muss ich aus diesem Wertesystem aussteigen und mir alternative Strategien überlegen. Gewitzte Kritiker werden einwenden, dass auch der Werteverlust bereits viel früher einsetzte, als die ideologische Rechtswende. Das ist richtig, doch der Eiserne Vorhang als Produkt einer kommunistischen und kapitalistischen Pattstellung verhinderte eine Reflexion der eigenen Befindlichkeit. Ein starker Außenfeind ist immer Garant für ein reibungsloses Funktionieren im Inneren. Dieser Wert, nämlich nicht sein zu wollen wie die Anderen, hat immer Konjunktur. Fällt er weg, so muss ich mir schleunigst einen neuen Feind besorgen (so wie die Amerikaner mit der "Achse des Bösen"), oder ich muss mich, wie jetzt Europa, mit der eigenen Befindlichkeit herumschlagen und mich mit "Sinn" aufmunitionieren. Außer bei den 13 % liberalen Idealisten, die Blumenau aus einer Studie zitiert und die ihr eigenes ideologisches Süppchen kochen (das beim Abschmecken meist auch bös aufstößt), ist es um die Sinnsuche der übrigen Bevölkerung nicht gut bestellt. Die (fehlende ?) intellektuelle Elite kann ihr beim Enträtseln der Welt nicht helfen, da sie sich selbst an der Aufklärung verschluckt hat und lediglich Erklärungsmodelle zu liefern imstande ist, die zu verstehen einen akademischen Bildungsabschluss voraussetzt. Wenn überhaupt (siehe Video von Heinz von Foerster am Ende des Textes). Doch weder die 29 % ichbezogenen Autoritären, die 18 % enttäuschten Pragmatiker, noch die 27% familienzentrierten Konservativen, oder die 13 % braven Bürger werden ohne für sie nachvollziehbaren ideologischen Überbau ruhig schlafen können. Deshalb greifen sie nach den einfachen Antworten, die ihnen die künftigen "Kriegsgewinnler" zurechtgelegt haben. Die Antworten gibt es natürlich nicht umsonst. Altruismus ist eine Eigenschaft, die Populisten mit Sicherheit nicht besitzen, ebenso wenig wie der Glaube an ihre eigene, schwarzweiße Karikatur der Wirklichkeit, die sie predigen. Gefolgschaft, beide Augen zudrücken wenn es um Demokratiedefizite geht und eine gesunde Resistenz gegenüber den Ideen der Wissenseliten sind die zu erbringenden Gegenleistungen für das Zurechtrücken der Welt in einen überschaubaren Rahmen, den sie dann "Heimat" nennen. Als Dank für die Gefolgschaft nehmen die Radikalen dem "kleinen, rechtschaffenen Mann" dafür die Drecksarbeit ab. Eine Arbeitsteilung, die sich immer schon bewährt hat. Die bis zuletzt immer dynamischer verlaufende Aufklärung raubte den Menschen ihre Werte, jene, die sie auch verstanden und damit ihr Koordinatensystem, mit dem sie sich bisher mühelos durch die Welt manövrierten. Jetzt, da die Wissenselite selbst ratlos ist (Stichwort: Klimaverschiebung, Finanzkrise usw.), kriegt das gemeine Volk muffensausen, wendet sich ab von den "Schaumschlägern" und schlägt sich auf die Seite der Vereinfacher. Böse formuliert kann man zum Schluss kommen: der Großteil der Menschen hat 400 Jahre Aufklärung dahingedämmert und jetzt, da er durch den Zusammenbruch des Kommunismus und der darauf folgenden beschleunigten Globalisierung unsanft aufgeweckt wurde, will er zurück ins Mittelalter. Die Geschichten der Aufklärer taugen nicht mehr für die breite Masse. In diese Richtung würde ich denken, wenn ich die Gründe für den Wunsch nach dem starken Mann erforschen will. Die "Blumenau’sche Theorie" greift da meiner Meinung nach zu kurz. Der Kybernetiker und Philosoph Heinz von Foerster. War er der letzte aufgekläre Geschichtenerzähler? Diskussion zum Thema (alle 11 themen von 24 posts anzeigen):
zurück zu What's Up? – zurück zur Startseite |