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Verlag/Jahr: City-Flyer, 2008


Die Party ist vorbei (Teil 2)

KOMMENTAR: Im ersten Teil schrieb ich über die politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen, die der Kollaps des Neoliberalismus mit sich bringen kann. Doch wie wird es um die Subkultur bestellt sein?

"Die Party ist vorbei", mein Kommentar zur Talfahrt der globalen Wirtschaft, hat mir neben viel Anerkennung auch viel Kritik eingebracht. Ein zentraler Kritikpunkt war die Relevanz des Themas für den City-Flyer. "Was geht mich Metaler/Elektroniker/Indie-Nerd die Wirtschaftskrise an? Ich lebe in meiner Welt, in der Aktien, Geld und überhaupt materieller Besitz kaum Bedeutung haben.", könnte man die Argumente auf einen Nenner bringen; was impliziert, der City-Flyer soll sich gefälligst auf seine Kernkompetenz, nämlich dem Ankündigen von und Berichten über Konzerte und Parties konzentrieren. Nun, meine Vorstellung von Kultur reicht über das oben Eingeforderte weit hinaus, einfach weil sich Kultur von Politik und Wirtschaft nicht trennen lässt, weil eins vom anderen abhängig ist und weil sie sich gegenseitig beeinflussen. Wer nicht das Gesamte im Auge behält, kann keine vernünftigen Aussagen über die Teilaspekte treffen.

Politik = Kultur = Wirtschaft
Wenn wir den Einbruch der maßgeblichen Kennzahlen der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung zur Kenntnis nehmen, dann wirkt dieser nach meiner obigen These auch zwangsläufig auf die Ausformungen kultureller Produktion und Konsumption ein. Auf die Immobilienkrise folgt die Bankenkrise, folgt die Krise der Industrie, folgt die Arbeitsmarktkrise in ebendieser Reihenfolge. Dieses Krisengemenge koppelt sich rück mit den zur Zeit vorherrschenden (sub)kulturellen Normen. Was gestern noch als hip galt, als unmittelbarster Ausdruck, mit Haut und Haar im Hier und Jetzt zu sein, ist heute bereits Reminiszenz. Was gestern als Inbegriff des "cool seins" gedeutet wurde, lässt uns heute krampfen und steht plötzlich in den "out" Listen ganz oben.

Raving Society
Von heute auf morgen finden subkulturelle Brüche nie statt, doch wie schnell eine Subkultur von "top" auf "flop" herabgestuft wird, veranschaulicht die ab den frühen 90er-Jahren im deutschsprachigen Raum auftauchende Rave-Bewegung. Die "Raving Society" durchdrang im ausgehenden Jahrzehnt selbst den Mainstream (die eineinhalb Millionen Raver am Berliner Brandenburger Tor belegen dies), um dann nach Nine-Eleven relativ bald abzuschmieren. "Friede, Freude, Eierkuchen", die 1989 von Dr. Motte, dem Begründer der "Love Parade", durchaus politisch ausgegebene erste Parole der "Love Parade" fand ihre jährliche Fortsetzung in allerlei idealistischen Sprüchen und gipfelte einige Monate vor 9/11 mit der Losung "Join the Love Republic". Angefeuert von der Überwindung des Ost-West-Konfliktes und der Idee eines besseren Lebens ohne werktätige Zwänge erfuhren die Raver und deren Lifestyle aus syntethischen Drogen, synthetischer Kleidung, synthetischer Musik und synthetischen Gefühlen in den 90ern einen ungeahnten Höhenflug.
Danach wütete die Dotcom-Blase und der "Kampf der Kulturen", der Afghanistan- und der Irakkrieg wurden angezettelt und die Vorstellungen der "Raving Society" vom "Rave für den Frieden" und von einer kreativen Arbeit, die den Menschen nicht von sich selbst entfremdet, wirkten plötzlich wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche. Angst um den Arbeitsplatz und Angst um die kulturelle Identität vertragen sich schwer mit nächtelangem Raven.

Was dürfen wir hoffen?
Hoffen wir auf eine Wirtschaftskrise, wie wir sie schon mehrmals seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebt haben. Denn nur dann ergeben die nachfolgenden Szenarien einen Sinn. Schreiben wir die Geschichte fort wie in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhundert, dann sind diese Zeilen makulatur und wir können uns unsere angloamerikanisch geprägten Vorstellungen von Popkultur für die Zukunft abschminken.

Mit Subkulturen verhält es sich wie mit Medien: einmal etabliert, sind sie nicht mehr wegzukriegen. Mögen morgen neue Subkulturen jede Aufmerksamkeit auf sich ziehen, so fristen die unmodern gewordenen Subkulturen eine Nischenexistenz, um irgendwann in verändertem Gewand neu aufzustehen. Der Reggae wäre hierfür ein gutes Beispiel.
Warum aber prägen periodische Umwälzungen die Popkultur so sehr? Wie in der Politik und der Wirtschaft hängt Kultur von der psychologischen Verfasstheit der teilnehmenden Personen ab. Zufriedene Menschen agieren anders als unzufriedene, ängstliche anders als mutige. Zu erwähnen wäre an dieser Stelle noch, dass die Verfasstheit der Menschen sich nicht von "Plus" auf "Minus" ändert, als ob ich einen Kippschalter umlegen würde. Vielmehr muss man sich das "Zufriedenheitslevel" wie eine Sinuskurve vorstellen, deren Richtung immer von sensibilisierten Menschen, meistens aus dem Kunstbetrieb, vorgegeben wird, der dann die anderen folgen.

Du kannst es schaffen - Die Demokratisierung von Popkultur
Kommen wir nochmals auf das eingangs erwähnte Beispiel des Ravens zurück. Auch wenn bereits Mitte der 90er Jahre der ideologische Unterbau ausgehöhlt und durch kommerzielle Prioritäten ersetzt wurde, ist diese Form des Partymachens - wenn auch in anderem Gewand - bis heute der status quo. Expressionismus und Hedonismus bestimmen nach wie vor den Dancefloor. Vor 15 Jahren stand noch der spielerische Umgang mit den neuen Möglichkeiten aus Computertechnik, bewusstseinserweiternden Drogen und heterogenen Massen ("we are family") im Mittelpunk des Interesses, der heute abgelöst ist durch ein kalkuliertes Inanspruchnehmen der Kulturtechniken zum eigenen Vorteil. Ich werfe heute nicht mehr Ecstasy ein weil ich wissen will, wie sich die gefühlte Wirklichkeit hinter der erdachten Wirklichkeit anfühlt. Das ist Luxus und Hirnwichserei, die mir nichts bringen. Ich werfe heute Speed oder Kokain ein, um zu funktionieren. Effizienz ist im Neoliberalismus oberstes Gebot und durchwirkt auch die Partyszene. Der Rausch ins Koma passiert mir nicht, er wird von mir bewusst (effizient) herbeigeführt.
Die Manifestation des ursprünglich spielerischen Ausprobierens in funktional eingesetzten Hedonismus bis hin zu aggressiver Selbstvermarktung prägt heute den Großteil der danceculture und des indie-nerdism. Man denke nur an die aufdringlichen "Myspace-Freunde", die in Wahrheit nichts anderes im Schilde führen, als sich selbst zu verkaufen. Getragen wird der Trend von der Hypothese, dass es jeder schaffen könne der nur ein wenig Talent hat, der sich traut und über die nötigen Kenntnisse der Selbstvermarktung verfügt.

Allmachtsphantasien ade!
Die Warholsche "Viertelstunde Ruhm" für alle wurde natürlich nie eingelöst, doch solange die Bodybuilder, die selbsternannten Schönheitsköniginnen, die guitar heroes und DJs an ihren bald einsetzenden Ruhm glauben, solange läuft die Kulturmaschine wie geschmiert. Ähnlich einem Pyramidenspiel wandert kulturelles Kapital in Form von Reputation und Kohle von unten nach oben. Die mit Geld und Credits aus der Basis bestens versorgte Spitze der Pyramide tut gut daran, den Glauben der "zukünftigen Stars" an sich selbst am Leben zu erhalten. Sobald die Basis nämlich zu zweifeln beginnt, ob sie je selbst zur Spitze aufrücken wird können, ist es nur ein kleiner Schritt zum Zusammenbruch der Pyramide. Jedes Pyramidenspiel funktioniert genau so.
Wenn nun bald das Gejammer über die schlechten Zeiten aus allen Ecken der Gesellschaft einsetzt, wenn die Helden von heute mangels Kaufkraft ihrer Klientel im wahrsten Sinne des Wortes sang- und klanglos verschwinden, wird uns der optimistisch in die eigene Zukunft blickende Bald-Star einigermaßen skurril erscheinen. Das Role-Model des Kulturtreibenden, der mit der Vermarktung seines "Talents" sein ökonomisches Auslangen findet, wird mangels realer Chancen zu leeren Hülle. Spüren werden die verschärften ökonomischen Zwänge aber nicht nur die Künstler und Celebrities, sondern auch deren Zuarbeiter, Veranstalter, Marketingmenschen, Presswerker, Flyergestalter, ...

Ende neu?
Es ist natürlich nicht so, dass schlechte Zeiten das Ende der Kultur nach sich ziehen würden. Wie in der Wirtschaft lässt sich Krise durchaus auch als Chance deuten. Zumindest aber als "Flurbereinigung", die die während der ökonomischen Überhitzung hochgespülten "Künstler" und "Kulturtreibenden" wieder hinweg spült. Gute Künstler werden auch weiterhin ihr Publikum finden, oder zumindest potente Förderer, die ihr ökonomisches Fortkommen garantieren. Aber auch sie werden sich den geänderten Rahmenbedingungen anpassen müssen.
So wie in den 70er Jahren der weltfremde Hippie von der brutalen Realität des Punks auf der einen Seite und dem eskapistischen Hedonismus des Disco auf der anderen Seite verdrängt wurde, so werden auch morgen die dem Hippie nahe stehenden Raver (im oben verwendeten Sinn) und Neofolkies als Blaupause des juvenilen über die Stränge Schlagens ausgedient haben. Weg mit den Bärten, weg mit den schlabbrigen Fetzen, die Hochglanzmagazine geben bereits die Linie vor, die uns tief in die 80er, oder noch tiefer in die 20er Jahre führen wird. Die Segregation der wenigen Kaufkräftigen von der Masse der Mittellosen wird sich auch anhand der Mode manifestieren, wenn sich Erstere in sündteures Textil hüllen, um den Abstand zu den working poor auch nach außen hin zu zeigen. Wobei der Adressat eher man selbst bzw. seine Clique ist, weil man sich und seinen Freunden beweisen muss, noch nicht ins finanzielle Aus gestürzt zu sein. Für die Anderen, also die Arbeits- und Mittellosen, heißt es bereits am Eingang der exklusiven Clubs "no way in".
Massenveranstaltungen mit -zigtausenden Besuchern wie die lieb gewonnenen Festivals und Raves gehören der Vergangenheit an. Kaum jemand wird noch in der Lage sein, die 200,- Euro für Anreise, Verpflegung und Eintritt auf den Tisch zu blättern. Die Szenen ziehen sich in die kleinen Clubs zurück, die Masse der etablierten Künstler muss von ihren zuletzt verlangten astronomischen Summen abrücken. Nur die ganz großen Künstler rechnen sich noch auf Megaveranstaltungen, nur für sie ist man bereit, noch tiefer in die Tasche zu greifen, weil die Wirtschaft als Sponsor weggebrochen ist.
Aber auch arme Leute werden auf Kunst und Kultur nicht verzichten wollen. Daraus lässt sich eine Renaissance der lokalen Szene und der Privatparties ableiten. Gute lokale Künstler werden wieder mit ausreichendem support ihrer crowd rechnen dürfen und wenn das Geld für einen Beislbesuch um die Ecke nicht reicht, so trifft man sich zuhause und besauft sich dort. Apropos Drogen: eine sich verändernde Jugendkultur gebiert auch ein neues Konsumverhalten legaler und illegaler Drogen. So lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit ein weiteres Ansteigen des Alkoholkonsums prognostizieren, während die aufputschenden Mittelchen von jenen mit sedativer Wirkung verdrängt werden. Warum sollte ich mich auch auf Speed setzen, wenn es nichts zu tun gibt?

Schlussbemerkung
Auf die Wirtschaftskrise muss sowohl die Politik als auch die Kultur reagieren. Welche Auswirkungen der Zusammenbruch des Neoliberalismus auf unser unmittelbares Lebensumfeld nach sich ziehen wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös beantworten. Dass nichts so bleiben wird wie es ist, steht für mich außer Zweifel. "It's the end of the world as we know it", sangen R.E.M. genau 20 Jahre zu früh. Ob ich mich dabei "fine" fühlen soll, weiß ich noch nicht.
Ich habe trotzdem versucht, aus den wirtschaftlichen Ereignissen der letzten Monate Tendenzen für die Jugendkultur der nächsten Jahre herauszulesen. Vieles spricht für meine Lesart, einiges dagegen, vieles entscheidet sich die nächsten drei Monate wenn sich herausstellt, ob sich der freie Fall der Wirtschaft fortsetzt, oder ob eine Konsolidierung eintritt. Falls die Konjunktur in drei Monaten den Boden nicht erreicht hat, dann müssen wir die Karten sowieso neu mischen. Dann sind wir nämlich da.

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letztes update: 26.12.08
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