Foto: Talfahrt der New Economy


Die Party ist vorbei

KOMMENTAR: Innerhalb weniger Wochen wurde die Welt aus den Angeln gehoben. Und niemanden scheint es zu interessieren. Warum nichts so bleibt, wie es ist.

Im November 1989 implodierte ein Weltreich. Wir saßen staunend vor dem Fernseher , als sich die kommunistische Nomenklatura ohne Blutbad verabschiedete. Nichts ist passiert. Die jahrzehntelange Angst vor der atomaren Selbstauslöschung der Menschheit verflog binnen Wochen, der „Westen“ hatte den Kampf der Systeme gewonnen.
Doch schon im März 2000 bekam das Image des siegreichen Westens einen ersten schweren Kratzer, nachdem der Hype um die Technologiewerte zusammenbrach, die Dotcom-Blase platze und an den Börsen Anlegergeld in Milliardenhöhe verheizt wurde. Wieder nahmen die Menschen Anteil am Massaker der Dotcom-Firmen, obwohl die allermeisten gar nicht betroffen waren. Passiert ist dank der us-staatlichen Interventionen letzendlich nicht viel, der Kapitalismus amerikanischer Prägung durfte sich wieder als besonders krisenresistent brüsten.
Keine eineinhalb Jahre später galt es die nächste Bewährungsprobe zu meistern. Die Terroranschläge am 11. September 2001 trafen die amerikanische Wirtschaft ins Mark. Die weltweite Anteilnahme und Solidarität waren den USA gewiss und die internationalen Medien überschlugen sich mit Vorschlägen zum Kampf gegen den Terror. Wieder zeigte sich die Überlegenheit der US-Wirtschaft, die sich nach einem Knick robuster als erwartet zeigte.

Und nun das! Das weltweite Finanzsystem ist implodiert, die Börsen notieren auf einem Drittel ihres Höchststandes, ganze Staaten stehen vor dem Bankrott und wollen unter das schützende Dach der Europäischen Union und ein Ende ist nicht abzusehen. Dabei handelt es sich bloß um das "Vorspiel" und eine weltweite und jahrelang andauernde wirtschaftliche Depression wird inzwischen nicht mehr ausgeschlossen. But who cares? Weder in Österreichs Medien noch in der Bevölkerung wurde und wird die triste Wirtschaftslage thematisiert, stattdessen über die Nationalratswahl und anschließend über die Große Koalition lamentiert. Als ob dessen Ausgang irgendeinen Einfluss auf unsere Zukunft hätte (dazu später mehr).

Der ökonomische Supergau ist passiert. Ich will euch die komplizierten Zusammenhänge an seinem Zusammenkommen hier ersparen. Wer sich dafür interessiert, dem sei die aktuelle Ausgabe des "Spiegel" empfohlen, der in der fast 30-seitigen Coverstory "Das Kapitalverbrechen – Anatomie einer Weltkrise, die gerade erst begonnen hat" die neoliberalen Machenschaften von der Thatcher-Ära bis heute aufrollt. Alles was wir jetzt tun können ist warten und auf die unabsehbaren Folgen gemessen reagieren. Selbst wenn der französische Präsident Nicolas Sarkozy die zwanzig führenden Industrienationen zum Weltwirtschaftsgipfel ruft, die Ergebnisse werden im besten Fall eine zukünftige Krise abwenden helfen. Der aktuelle Supergau hat bereits eine Eigendynamik angenommen, der ein Agieren ausschließt und nur mehr ein Reagieren zulässt in der Hoffnung, zumindest die gröbsten Verwerfungen (wie ich sie unten beschreibe) zu verhindern. In den folgenden Zeilen will ich ein worst case scenario skizzieren, das leider mit jedem Tag wahrscheinlicher wird.

Ökonomen gehen davon aus, dass im nächsten Jahr bis zu hundert US-Banken in Schieflage geraten. Im Moment halten wir bei 22 Banken, die schließen mussten. Der frisch gewählte Präsident Barak Obama hat erste Zweifel an der Wirksamkeit der Hundertmilliardenspritze für die angeschlagenen Investmentbanken bekundet. Das Geld verpufft wie der sprichwörtliche Tropfen auf der heißen Herdplatte. Jene Banken, die noch Spielraum haben, kaufen mit dem Steuergeld die taumelnden Konkurrenten auf, anstatt den Kreditfluss wieder in Gang zu setzen. Geld auf dem Kapitalmarkt wird immer "teurer", obwohl die Nationalbanken die Leitzinsen senken. Mangels Vertrauen borgen sich die Banken untereinander kaum noch Geld mit der Angst im Hinterkopf: "wer weiß, vielleicht gibt es meinen Schuldner und damit mein Geld morgen schon nicht mehr".
Geldknappheit führt zu Deflation. Wenn niemand Geld ausgibt und es aus Angst stattdessen zuhause bunkert, versucht der Handel die Umsätze mittels Preissenkungen zu stabilisieren und muss gleichzeitig die eigenen Kosten zurückfahren - was meistens über eingespartes Personal passiert. Die Prognosen gehen von einer Verdoppelung der Arbeitslosenrate aus, die den Staatshaushalten zusätzlich schwer auf der Tasche liegen wird. Arbeitslose und um ihren Job bangende Menschen pumpen kein Geld in den Wirtschaftskreislauf, der immer mehr erlahmt, was einen weiteren Anstieg der Arbeitslosen zur Folge hat. Die überbordenden Staatsbudgets sind nicht mehr in den Griff zu bekommen und die Regierungen müssen die Notenpresse anwerfen. Geld ist jetzt da, doch mit jeder gedruckten Banknote wird es weniger wert und die Preise steigen, allen voran die der Rohstoffe. Gleichzeitig verhungern in Afrika hunderte Millionen Menschen, doch der Rest der Welt ist zu beschäftigt um zu helfen.

So wie das westliche Wirtschaftssystem ihren Überlegenheitsdünkel abgelegt und jede Glaubwürdigkeit verspielt hat, nimmt auch der Glaube an die Demokratie rapide ab. Das postkommunistische China igelt sich ein und umschifft die Krise mit seiner autokratisch geführten Wirtschaft und der Ankurbelung der Binnennachfrage relativ unbeschadet. Der ehemalige Ostblock kollabiert wirtschaftlich und reißt die westlichen Investoren, allen voran Österreich, mit in den Abgrund. Putin hat sich vorausschauend die Verfassung so zurechtbiegen lassen, dass er den amtierenden Präsidenten Medwedew nach seinem "freiwilligen" Rücktritt auf Lebzeiten beerben und die russische Demokratie auf den Misthaufen entsorgen kann. Die westlichen Staats- und Regierungschefs sind mit einer rechts- und linksradikalen Lagerbildung konfrontiert, deren Sprecher das Parlament als "Quatschbude" beschimpfen, außerstande, etwas gegen die wirtschaftliche Not der breiten Bevölkerungsschicht zu unternehmen. Die katastrophale Wirtschaftslage in Österreich, ausgelöst durch die "sicheren" Investments im Osten, bringt die Große Koalition zu Fall. Die Wahlen enden mit einem Erdrutschsieg der FPÖ und Heinz-Christian Strache wird neuer Bundeskanzler. Nun, wir sind nicht alleine. Auch in einigen anderen europäischen Ländern wie Ungarn, Tschechien, Italien, ... putschen sich rechte Parteien mit Hilfe der – früher nannte man sie Globalisierungsverlierer an die Macht.

Island, die Schweiz, Dänemark und alle anderen europäischen Länder, bis auf Schweden und das Vereinigte Königreich, die nicht dem Euroraum angehören, werden wirtschaftlich von der EU künstlich am Leben gehalten und stehen unter EU-Protektorat. Auch Österreich, Italien und weitere schwere Defizitsünder stehen unter Kuratel der EU und bekämpfen die strengen Auflagen aus Brüssel. Mit zu wenig Kompetenzen ausgestattet und mit zu vielen Problemen konfrontiert implodiert die EU, auch aufgrund der andauernden nationalistischen Hetze einiger Mitgliedsstaaten, allen voran das Strache-Österreich (ohne Kronendichand, der bereits gestorben ist, bevor sein Wunschtraum in Erfüllung ging). Inzwischen ersaufen hunderttausende Menschen nach einem, durch die Erderwärmung bedingten, Unwetter in Bangladesch, doch der Rest der Welt ist zu beschäftigt um zu helfen.

Die bisherige Geschichte vermischt real Geschehenes mit Fiktion, die sich in den nächsten Jahren zutragen könnte. Wir wollen nun einige Jahre überspringen und die Geschichte auf die Spitze treiben.

Barak Obama ist der Jahrhundertaufgabe nicht gewachsen, kann ihr nicht gewachsen sein. Er erliegt den Einflüsterungen der Falken und fährt die Rüstungsausgaben hoch, um damit zwei Fliegen mit einem Schlag zu erwischen. Nämlich die Rekordarbeitslosigkeit zu senken und gleichzeitig für den Kampf um die immer knapper werdenden Ressourcen gerüstet zu sein. Die amerikanische Wirtschaft steht, obwohl der Crash von dort aus seinen Anfang nahm, aufgrund des geschlossenen Vorgehens der Regierung besser da, als die europäische. China weitet seine Einflusssphäre im rohstoffreichen Afrika aus, Taiwan und Japan wechseln die Seite und kooperieren eng mit China. Russland fühlt sich von Feinden umzingelt und rüstet ebenfalls auf, wobei eigentlich vom paralysierten Europa keine Gefahr droht. Im Gegenteil, Weissrussland und die Ukraine wollen zurück ins russische Reich, wie überhaupt eine kommunistische Nostalgiewelle den ehemaligen Ostblock überschwemmt. Inzwischen zündet Israel eine Atombome im Iran und der Rest der Welt ist zu beschäftigt um zu helfen.

Die Rohstoffpreise erzielen über die Nachfrage nach Rüstungsgütern immer neue Rekorde. Die weltweite wirtschaftliche Depression ist zu Ende, fast die gesamte Industrie ist verstaatlicht oder steht unter staatlichem Einfluss, die Menschen haben wieder Arbeit, wenn auch eine schlecht bezahlte. Sie fassen wieder Mut, wenn auch unbegründet. Die Umwelt, die sich aufgrund des industriellen Niedergangs der letzten Jahre stabilisieren konnte, gerät durch den neuen Rüstungswettlauf vollends aus den Fugen. Die Arktis ist eisfrei, das Grönlandeis schmilzt, Überschwemmungen und Wetterkapriolen machen ganze Landstriche unbewohnbar. Die Migrationsströme schwellen auf –zig Millionen Menschen aus allen Kontinenten an, was den nationalistischen Ausgrenzern zusätzliche Nahrung für ihre Hassparolen bietet.
Nun wollen die Konzerne ihre rohstoffreiche Ernte mit Blick auf die eisfreie Arktis einfahren. Nun wollen die produzierten Waffen Verwendung finden, die verängstigten Menschen ihre Angst in Hass umwandeln. Nun will die Erde endlich von den Menschen erlöst werden.

It's the Economy, stupid! (Bill Clinton)

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letztes update: 12.12.08
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