![]() CHiLL-iLL - Für Körper & Seele TONTRÄGER: Orientiert man sich nach CHiLL-iLLs Erstlingswerk, so lässt sich Hip-Hop aus St. Pölten mit den Worten 'chillig' und 'selbstbezogen' charakterisieren. Deutschsprachiger Hip Hop ist etwas für Fans, für Leute, die viel Geduld aufbringen und sich in die Materie einhören, um aus dem umfangreichen Schrott die wenigen Schätze zu heben. Die österreichischen Addicts haben es hier ein wenig leichter als die bundesdeutschen Kollegen, weil sie sich die kommerzielle Variante des Austrian Hip Hop ersparen. Diese spielt in der kleinen Alpenrepublik so gut wie keine Rolle. Der geneigte Hörer muss sich mehr oder weniger nur durch den hiesigen Hip Hop Underground arbeiten, um einigermaßen "up to date" zu sein.
Als Einstimmung zum Review gehe ich im Geiste meine umfangreiche Plattensammlung durch und muss mit Erschrecken feststellen, dass sich darunter keine einzige österreichische Hip Hop Platte befindet, für die ich bezahlt habe. Keine Moreaus, keine Texta, keine Fünfhaus Posse, keine Total Chaos, ja nicht einmal eine Schönheitsfehler-LP kann ich mein Eigen nennen. Die 20-jährige Geschichte des österreichischen Hip Hop dürfte bei mir keinen großen Eindruck hinterlassen haben, und trotzdem ist sie nicht spurlos an mir vorüber gegangen, zumindest an die herausragenden "Hits" kam ich dank fm4 nicht vorbei. Die hiesigen Reimkünstler taten sich im Vergleich mit der nationalen Prominenz umso schwerer, da sie immer Gefahr liefen, im Kampf um das kleine österreichische Marktsegment zwischen den beiden Szene-Polen Linz und Wien aufgerieben zu werden. In stp-rockcity selbst hatten die B-Boys aufgrund der Gitarrendominanz in der Stadt sowieso kaum etwas zu melden. CHiLL-iLL focht das wenig an. Seit Beginn der Nullerjahre werkt er an seiner Vorstellung vom deutschsprachigen Hip Hop, zuerst auf Live-Performances, später mehr und mehr am Computer als Produzent. Dass sich einige Mitstreiter in alle Windrichtungen davon machen, dass sich andere in wesentlich prestigeträchtigere und lukrativere musikalische Gefilde verabschieden, dass ihn das Schicksal einige Male kräftig beutelt, spornt ihn nur umso mehr an, seine Ideen auf einer eigenen CD zu verewigen. Als Ergebnis des fünfjährigen Arbeitsprozesses präsentiert sich das Album "Für Körper & Seele" aus einem Guss, widersetzt sich den gängigen Moden und setzt stattdessen auf Authentizität. Die sehr persönlich gehaltenen Songs drehen sich um die Lebenswelt des MCs in der Kleinstadt St. Pölten. Der Weg vom Teenager zum Twentysomething mit kleinbürgerlichem Background ist gepflastert mit Befindlichkeiten innerhalb der (HipHop) Szene, mit den Freuden und Leiden, die eine Künstlerexistenz mit sich bringt, aber auch mit allgemeingültigen Erlebnissen im gesellschaftlichen wie im zwischenmenschlichen Bereich. Darin liegt sowohl die Stärke, als auch die Schwäche des Albums. Weil sich jeder von uns in den Texten finden kann, funktionieren sie über die Hip-Hop-Community hinaus. Ich muss nicht Teil der Szene sein, um mich in der Gefühlswelt des Autors zurechtzufinden. Andererseits unterscheiden sich die gerappten Erlebnisse kaum von den Alltagserfahrungen und Ansichten eines Jugendlichen aus demselben Millieu, was mitunter schon mal in banalen Lyrics wie "Sag niemals nie, man weiß ja nie, was passiert, es kann soviel geschehn" seinen Ausdruck findet. No, na, ned! Im selben Maße, wie CHiLL-iLL den Hip-Hop-Underground hinter sich lässt und sich genreübergreifend anderen Szenen öffnet, werden die Hip-Hop-Puristen von ihm abrücken. Der Outlaw-Bonus, wie ihn zum Beispiel die stp-Rapper Gods Pang (siehe: Gods Pang feat. A.D.E. – "2 Kopf Adler Mukke" auf dem "Austrian Hip-Hop Sampler 2009") für sich beanspruchen können, rückt damit für ihn in weite Ferne. Die eingängigen Beats orientieren sich an klassischen Vorbildern. Meist wird diesen eine simple Melodie gegenübergestellt, die ihre Krone durch soulige Vocal-Samples aufgesetzt bekommt. Um die Harmonie nicht ausufern zu lassen, werden die relaxten Kopfnicker-Beats immer wieder durch fingerfertige Scratches unterbrochen, die aber der Ohrwurmqualität der Tracks in keiner Weise im Wege stehen. Sowohl die Lyrics, als auch die smoothen Beats zielen Richtung Seele des Hörers, den Körper braucht er dann, um sich wohlig auf der Couch zu strecken oder am Floor lässig mit den Knien zu wippen. Wohlfühl-Hip-Hop für das Jugendzimmer. Seit Anfang 2009 werden CHiLL-iLLs Studioaufnahmen von der Linzer BASIC-SOUND BAND auf der Bühne live umgesetzt und gewinnen dadurch an Dynamik und "Körper". Die Seele macht dann Pause.
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