St.Metal öffnete wieder seine Pforten II

REVIEW: Auch im Jahre 08 wurde St. Pölten für zumindest ein Wochenende wieder zur inländischen Hochburg des Metals und war auch heuer schon vorab restlos ausverkauft. Tag 2.

Die Leiden des Vortages machen sich bemerkbar. Egal wo ich bin, überall begleitet mich ein penetrantes Ohrensausen, als hätte sich eine Gelse in mein Innenohr verflogen. Verschlafen krieche ich aus dem Bett und massiere mit den Fingerkuppen das Bier aus meinem Kopf, während draußen die Sonne schon wieder unterzugehen scheint. Ach du Schande! Bald geht�s ja wieder los!

Einige wenige Momente später komme ich wieder beim frei.raum an. Mein Körper erzittert kurz anhand der winterlichen Temperaturen und ich spüre leichten Regen.
Ich muss kurz lachen, als ich die vier Zelte draußen im frei.raum-Garten stehen sehe, deren Bewohner anscheinend gerade versuchen ein Feuer zu machen. Leid ist relativ.

Wieder einmal betrete ich den frei.raum in Eile. Heute hat alles sogar noch früher angefangen, schon um 18:30 ging die erste Band namens Devastating Enemy los. "Melodic Death Metal aus Wiener Neustadt, seit Jänner 2007 bestehend, seit Dezember 07 mit Tom hinter den Drums als 4erKombo komplett" steht auf meinem Schmierzettel. Ich höre gerade noch die letzten Akkorde des letzten Songs. Shit! Zu wenig um vernünftige Kritik los zu werden. Also höre ich mich um. Die Kommentare zur Band sind durchwegs positiv (eingängige Grooves und Melodien gepaart mit einem Schlagzeuger-Faible für Blast-Beats sollen es gewesen sein), daher ärgere ich mich umso mehr sie verpasst zu haben. Naja, von Wien kenne ich sie immerhin schon, und damals waren sie wirklich ganz gut. Aber die Band ist jung, die wird man sicher bald wieder zu hören bekommen.

Devastating Enemy live am stp-Metal Weekend 08 (36,5 MB, Quicktime Mov)


Ach ja, Devastating Enemy ist übrigens spontan eingesprungen, weil Darkside leider absagen musste. Dadurch ist die nächste Band um einen Slot nach hinten gerutscht:
Desiccated, 19:20 steht am Speiseplan. Diesmal gleich zwei Schreihälse, die diesen Namen auch wahrlich verdient haben: auf der einen Seite Thor, der ehemalige Marbath-Sänger, auf der anderen Seite der Jungspund Raphi, altbekannt vom Vorjahr als "Sänger" von Cheiron. Die beiden machen alles was auf Ö3 verboten ist, von growlen bis grunzen wie eine abgestochene Sau. Das gefällt dem Publikum und es geht von Anfang an voll mit, denn mit so etwas grandios Krankem konnte man ja nun wirklich nicht rechnen. Auch den Bassisten kennt der geübte Metal-Weekend-Besucher vom Vortag, denn es handelt sich um Mexx, der bei Trashcanned deren verletzten Bassisten ersetzen durfte. Und noch jemanden sollte man bereits kennen. Tom, der trotz seines jungen Alters von 17 Jährchen schon das Schlagzeug wie ein Berserker knüppelt, ist bereits als Stargast bei Trashcanned vom Vortag und von der Vorgängerband Devastating Enemy her bekannt und auffällig. Obwohl er gleich zwei verschiedene Sets hintereinander abspult scheint er keinerlei Verschleißerscheinungen zu haben, die Gelenkschmiere hält das hohe Tempo problemlos bei und Tom trägt auch durch seine Mimik und seine fliegenden Haare ordentlich zum Massaker bei. Im positiven Sinne natürlich. Wir sprechen hier immerhin von einem Metal-Massaker. Obwohl es laut Gitarrist erst der 3. Gig der Band ist, wirken die Jungs bereits äußerst routiniert, und auch wenn Rainer, neben Thor einer der beiden Gitarristen, selbst später zugibt immer vollkommen am Limit spielen zu müssen, erstaunt das nicht wirklich anhand des rasanten Tempos, das geboten wird. Für mich der perfekte Soundtrack für einen Film über Charles Manson's Hirn. Und die Band zeigt auch, dass sie einfach Mordsspaß auf der Bühne hat. Oder inmitten des Publikums, wie Thor, der kurz einen kleinen Bühnenausflug für einen feinen Pogo mit seinen neuen Fans nützt. Sicherlich die ärgste Band des Tages.

Dessicated live am stp-Metal Weekend 08 (35,5 MB, Quicktime Mov)

Die Stimmung im frei.raum scheint heute bereits am Anfang ausgezeichnet zu sein und es sind auch schon mehr Menschen anwesend als zur selben Uhrzeit 24 Stunden davor. Ein Metaller meinte sogar, es wäre nach dem ganzen bisherigen Tag ohne Musik als würde man am Abend wieder in sein Wohnzimmer heim kommen�

Als dritte Band des Tages durfte Mitigate zeigen, woran im Proberaum getüftelt wurde. Im Prinzip gibt es bei dem Trio wieder zwei Sänger, da neben dem Gitarristen und Hauptsänger, der sogar wirklich melodisch singt, auch der Bassist seine Stimme zum Einsatz bringt, dieser allerdings typisch metallisch dahingrowlt. Gesanglich sind diese Beiden aber leider nicht so toll wie die Vorgänger, dafür ist die Musik diesmal angenehmer fürs Ohr, da vor allem die Refrains durchwegs clean gesungen werden. Andererseits klingt der Sound von Mitigate nicht so voll wie bei anderen Metal-Bands, was vor allem daran liegt, dass etwa eine zweite Gitarre als Ergänzung fehlt, und darüber können auch nicht die Gitarren-Soli oder die permanent eingespielten Synthie-Klänge im Hintergrund hinwegtäuschen. Auch die beiden Stimmen ertönen immer nur abwechselnd anstatt sich vielleicht auch einmal zu überlagern. Der Schlagzeuger ist bis auf eine einmalige ungewollte Polirhythmik unauffällig. Ein weiteres Manko ist, dass der Bassist ein wenig steif und abgesehen vom Gesang her auch ziemlich brav wirkt, und das Publikum rastet erstmals, leider nicht aus. Nicht, dass die Band schlecht wäre, aber im Vergleich ist das Niveau am Metal Weekend einfach zu hoch. Gegen Ende hin kommt noch ein neuer Song. The Earth Song. Kein Cover.
-Fazit: Leichte Metalkost für Anfänger.

Mitigate live am stp-Metal Weekend 08 (46,5 MB, Quicktime Mov)

Als nächstes kommen ganz ganz böse Menschen zum Soundcheck. Die Rede ist von Ewig Frost aus Krems, einer Black Metal Band die sich natürlich an die heilige Regel des weiß-schwarz Schminkens hält. Anhand der schwarzen Kopftücher fragt man sich ob man es mit gestrandeten Piraten zu tun hat, und zur Musik stellt sich die Frage auf, ob das nicht viel eher Old School Hard Rock und Rock'n'Roll als Black Metal ist? Beides wird in einem Song beantwortet, dessen Text "we are the pirates of black metal" beinhaltet. Also doch Piraten. Wäre das auch geklärt. Zeit um sich auf die Musik selbst zu konzentrieren. Der "Gesang" ist wirklich ausgezeichnet, die Screams sind diesmal eher in den hohen Frequenzbereichen anzusiedeln, auch das Tempo des Schlagzeugers ist hoch, und der Gitarrist spielt ausgereifte und erstaunlich konventionelle Riffs während er nebenbei auch noch an der Zigarette nuckelt - gepafft, nicht inhaliert. Eigentlich klingen Ewig Frost ja gar nicht allzu böse, wenn man Metal gewohnt ist, aber das ist dem Publikum heute sowieso alles egal und es ist voll dabei. Gegen Ende hin wird auch noch ein Song gespielt, bei dem leider der Saxophonist von der Aufnahme fehlt. Ein Saxophon zu Black Metal Mucke? Auf herkömmliche musikalische Genre-Begrenzungen scheint Ewig Frost nicht viel Wert zu legen und ich bin gespannt was uns da noch Kreatives in der Zukunft erwarten wird.

Ewig Frost live am stp-Metal Weekend 08 (45,5 MB, Quicktime Mov)


Klaus, unser Fotograf, beweist heute auch Mut mit seinem Fußball-Tshirt "Christ 1" ...

Nach einer kurzen Pause geht es mit einer in der Szene alles andere als unbekannten Band aus der Steiermark weiter, die letztes Jahr leider absagen musste. Perishing Mankind, Label-Kollegen von Trashcanned bei Noisehead Records, betreten die Bühne. Mit einer gar nicht so kleinen Besonderheit an diesem Tag. Es handelt sich um das letzte Konzert des Jahres! Aber dazu später mehr. Nachdem der eigens mitgebrachte Tontechniker postiert und das eingespielte Intro ausgeklungen ist, zeigt Perishing Mankind heute wieder einmal eindrucksvoll die musikalische Kraft der Band auf, denn es werden abwechslungsreiche Songs geboten, die, vor allem dank der beiden Gitareros, insgesamt melodischer klingen als etwa bei Desiccated, und trotzdem einfach wahnsinnig zum Headbangen verleiten. Oder ist es der Sänger, der wie wild seinen Kopf, nein, seinen ganzen Körper einsetzt und innerhalb kürzester Zeit anregenden Kontakt zum Publikum herstellt, während die Gitarristen wieder einmal ihre Haare durch die Gegend werfen? Denn kaum positioniert der Sänger seine Augenbrauen in V-Form während er gelernt das Mikro anschreit, schon zuckt die Meute aus und ein Pogo wird geboren. Auch vergisst er es nicht den Veranstalterort "St.Metal" und Veranstalter Reini feiern zu lassen, weil, dumm ist er ja nicht. Perishing Mankind spielt heute von der Energie her so als wäre es das erste und nicht das letzte Konzert des Jahres, das zahlreiche Publikum nimmts begeistert auf und geht voll und mehr mit. Der Sänger wagt auch ein kurzes Bad in der Menge und hat dann sogar Schwierigkeiten, wieder auf die Bühne zurück zu kommen, so sehr rollt der Pogo durch den frei.raum. Abseits seiner wilden Screams singt er bei zwei Songs sogar im Refrain clean, was mit Leichtigkeit und Können gemeistert wird, und zwischen den Songs bittet er immer wieder die Schlagzeugerin um ein paar mehr oder weniger geistreiche letzte Wortspenden ("was ist wichtig auf der Welt", etc.) oder busselt sie auf die Wange. Und das hat sich die Schlagzeugerin, die heute das letzte Mal auf den Trommelhaufen schlägt und leider die Band verlassen wird, auch redlich verdient, denn an diesem Tag spielt sie wirklich ein tolles und fehlerloses Konzert. Nichts mit Nachlässigkeit, bei Perishing Mankind wird bis zum Schluss eine professionelle Show geboten. Vor dem letzten Song will bei ihr die Augenflüssigkeit nicht mehr so richtig halten und mit einem "Einfach nur: Danke!" verabschiedet sich Beate von ihren Fans. Während dem letzten Lied springen plötzlich zwei, drei Unbekannte vom Backstage-Bereich auf die Bühne und bauen das Schlagzeug teilweise ab. Ja, gibt es das? Beim letzten Konzert so eine Frechheit? Wurde etwa zeitmäßig überzogen? Da kommen die Burschen auch schon wieder auf die Bühne zurück, diesmal mit einer riesigen Papierrolle bewaffnet, und wickeln Beate, die sich natürlich nicht abhalten ließ währenddessen auf einem verkrüppelten Schlagzeug weiter zu spielen, in besagtes Papier ein, während die Stimmung endgültig überkocht und alle die Bühne stürmen und mitfeiern. Die nicht nur um den Finger gewickelte Schlagzeugerin wird hochgehoben und sanft ins Publikum geworfen, das Beate auf Händen bis in die letzte Reihe trägt. Ein lustiger Abschluss der sympathischsten und vielleicht besten Band des Tages.

Perishing Mankind live am stp-Metal Weekend 08 (49 MB, Quicktime Mov)


Als nächstes sind wieder einmal Lokalhelden am Start. Epsilon darf auf die Bühne. Nachdem die neue EP, die sich dank Sänger- und Schlagzeugerwechsel deutlich von den ersten Anfängen unterscheidet, erst vor kurzem aufgenommen wurde, darf man gespannt sein was heute wohl geboten wird. Bei einem Blick auf die Setlist sieht man auch, dass Humor und Metal keineswegs Gegensätze sein müssen, denn der Song „Great Balls“ wurde händisch in „Mecki’s Great Balls“ umgedichtet. Hm. Und schon geht’s los. Allerdings wird gleich der erst Song abgebrochen, weil die Anlage übersteuert und quietscht, dass man von der Musik kaum noch was hört. Blöd nur, dass genau zu diesem Zeitpunkt der Regionalsender P3 samt Kamera auftaucht. Im zweiten Anlauf geht’s aber wirklich los. Anfangs merkt man der Band ein bisschen die Nervosität wegen des Vorfalls anhand kleinen Ungenauigkeiten im Spiel an, doch das bessert sich mit der Zeit. Was positiv auffällt, ist, dass der Sänger seine Gesangsbreite erweitert hat und jetzt auch hohe Screams gekonnt von sich gibt, und dass der Freiraum-Booker Mecki am Bass wieder einmal alles gibt. Es wird im wahrsten Sinne des Wortes T(h)rash-Metal – die beiden Gitarristen und der Schlagzeuger haben heute orange Müllhosen als Bühnenoutfit gewählt – geboten, jedoch sind die Songs nicht so abwechslungsreich wie etwa bei der Vorgängerband und das Publikum ist vorerst eher leise. Vielleicht liegt es auch an der Unnahbarkeit die vor allem der Sänger, ein Goliath seinesgleichen, und der introvertierte der beiden Gitarristen verkörpert und dadurch nicht den Mitreißfaktor bei den Festgästen hat den man sich wünschen würde. Beim dritten Song geht das Publikum nach einer kurzen Aufforderung zum Moshpit allerdings wieder ordentlich zu den Kopfnicker-Beats ab, die Stimmung ist an diesem Tag einfach zu gut. Die beiden Gitarristen geben zur Hälfte Vollgas, und auch der Sänger selbst schwingt seine meterlangen Haare durch den Raum, wobei er einmal sogar in Mecki’s Bass damit hängen bleibt. So lob ich es mir. Nach acht Nummern ist die Setlist auch schon wieder durchgespielt, doch die Zugaberufe werden erhört und die Menschen sind zufrieden.

Epsilon live am stp-Metal Weekend 08 (56 MB, Quicktime Mov)

Nun fehlt nur mehr eine einzige Band, bis das STP Metal Weekend wieder Geschichte ist. Eine Linzer Band, die im Sommer 2002 gegründet wurde, am ersten Album noch mit einigen akustischen Passagen brillierte, nur um sich nach einem Line-Up-Wechsel am zweiten Album 2006 mehr Richtung langsamem Death Metal hin zu entwickeln. In Slumber. Bei diesen Musikanten ist wieder mehr Druck da, das Ganze erinnert mich vom Stil her ein bisschen an Outrage vom Vortag, und das Publikum ist wieder so richtig gut aufgelegt, wie eigentlich den ganzen Abend schon. Jawoll, das ist ja doch auch in StPölten möglich! Und es ist sogar um die späte Uhrzeit noch viel los, denn da heute eine Band mehr am Start war begann In Slumber ja erst kurz nach Mitternacht. Dass die Menge abgeht ist bei DER Band aber auch kein Wunder, denn sie hat sich den Slot als Headliner mehr als nur verdient, was anhand des allgemein herrschenden hohen Niveaus wirklich nicht selbstverständlich ist. Die Musiker machen so viel Druck auf der Bühne dass dem Bassisten schon nach ein paar Minuten die Saite reißt(!), was eine kurze technische Pause verlangt, die der Sänger routiniert mit Smalltalk zu verkürzen weiß. Nicht zu vergessen der Schlagzeuger, der technisch gesehen wohl die ein oder andere Nacht am Schlagzeug übend verbracht haben muss und wohl in jeder Band spielen könnte in der er will. Und auch der Gitarrist mit Glatze dürfte ehrgeizig sein, stellt sich vor, dass er seine Mähne durch die Lüfte schwingt und trainiert damit seinen Nackenmuskel. Feine Sache. Sicherlich die zweite beste Band des Tages.

In Slumber live am stp-Metal Weekend 08 (41 MB, Quicktime Mov)

Und das wars dann wieder einmal. Zumindest für dieses Jahr. Nur die Gelse in meinem Ohr summt munter weiter.

-eRRor-

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letztes update: 6.10.08
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