![]() Il Divo Gegen ihn wirkt Silvio Berlusconi harmlos: Giulio Andreotti war 25 Mal Minister, sieben Mal italienischer Ministerpräsident, 29 Mal wurde er angeklagt und 29 Mal freigesprochen. Italien nennt ihn "Il Divo" (den Göttlichen), Giulio, den Buckligen, den Fuchs, die Ewigkeit, den Star, den Mann im Dunkeln, Beelzebub. Im Gegensatz zum lauten Macho Berlusconi ist Andreotti ruhig, unscheinbar und undurchschaubar. Sein Erfolg und seine Macht gründen sich auf Verschwiegenheit und ein umfassendes Archiv über die Achillesfersen der anderen.
Der Film beleuchtet einen Wendepunkt in Andreottis Karriere - nachdem er zum siebenten Mal italienischer Ministerpräsident war, trat er zur Wahl des Staatspräsidenten an, es hätte der Höhepunkt seiner Karriere sein sollen. Doch dann stellte sich die Mafia gegen Andreotti und der Staat begann mit Ermittlungen gegen ihn. Regisseur Paolo Sorrentino spürt in einem grotesken und skurrilen Politkrimi einer fasznierenden und schwer fassbaren Figur nach und beleuchtet sie von vielen Seiten, dennoch bleibt Andreotti rätselhaft. Toni Servillo verkörpert diesen undurchschaubaren Göttlichen perfekt. Wenn er mit schildkrötenartig vorgerecktem Kopf rastlos über den Boden huscht, als würde er mehr schweben als gehen, wirkt er wie ein Vampir. Wenn er spricht, bewegt sich sein Mund kaum, die Augen sind ausdruckslos, er wirkt müde und unbeweglich, was wirklich in ihm vorgeht, lässt sich nur erahnen. Cineastisch ist „Il Divo“ ein echter Leckerbissen, der bis zur letzten Minute fesselt. Atemberaubende Kamerafahrten und kluge Montage, begleitet von exzellentem Tonschnitt ziehen den Zuschauer sogartig ins Geschehen. Zeitlupenaufnahmen mit klassischer Musik erinnern an John Woo, originell eingesetzte Inserts zur Einführung von Personen legen den Vergleich mit Guy Ritchie nahe. Kameraführung und Schnitt rufen David Finchers beste Momente ins Gedächtnis und Fans von Tarantino werden den skurillen Humor eben so schätzen wie den perfekt gewählten Soundtrack. Die famose schauspielerische Leistung Toni Servillos tut ihr Übriges dazu. Schade nur, dass es für Nicht-Italiener, die über kein Hintergrundwissen zur Person Andreotti verfügen, sehr schwierig ist, der komplexen Story zu folgen. Zu viele Personen kommen vor, zu viele Fragen bleiben offen. Wichtige Protagonisten werden mittels Inserts vorgestellt, zahlreiche Nebenfiguren aber auch und nach einer Weile kann man sich all die Namen nicht mehr merken. Dennoch bleibt der Film durch seine Bildgewalt mitreißend und vor allem witzig. Es gibt zahlreiche kuriose Szenen, etwa wenn sich der gefährlichste Mafioso Italiens beim Gefängniswärter ein Mineralwasser bestellt, „aber bitte mit Sprudel“... Wie "Pulp Fiction" ist "Il Divo" ein Meisterwerk, das vielleicht beim ersten Sehen einige Fragen offen lässt, doch große Lust darauf macht, ihn mehr als einmal anzuschauen.
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